2006/03/06

stadt und krieg 2

Zu Rhodus lebte ein Baukuenstler namens Diognet. Ihm war, seiner Geschicklichkeit wegen, ein jaehrliches Ehrengehalt ausgesetzt. Einst kam von Aradus ein gewisser anderer Baukuenstler, mit Namen Kallias, dahin; hielt eine oeffentliche Vorlesung - ac roasim fecit - und stellte darin ein Modell - expemplum - einer Mauer auf, worauf er auf einen beweglichen krautstaender - car-chesium versatile - eine Maschine stellte, vermittelst welcher er eine, gegen die Mauer rueckende Helepolis (Belagerungsmaschine, Anm.) ergriff, und ueber die Mauer herueber hob.
Als die Rhodier dies Modell sahen, bewunderten sie es so sehr, dass sie sofort dem Diognet seinen bestimmten Jahrgehalt entzogen und diese Ehrenbezeugung auf den kallias uebertrugen.
Mittlerweile bekam Demetrius, der wegen seiner Hartnaeckigkeit Poliorketes genannt wurde, den Einfall Rhodus zu belagern, und brachte zu diesem zwecke den beruehmten baukuenstler epimachus, einen athener, mit sich. Dieser errichtete eine Helepolis mit ungeheuren Kosten und mit nicht geringerem Fleisse und arbeit. (...) Nun baten die Rhodier den Kallias seine Maschine zu bewerkstelligen und, seinem Versprechen gemaesz, die Helepolis ueber die mauer zu heben: Allein er gestand sein Unvermoegen; denn nicht jede Speculation ist gleich ins Werk zu richten moeglich. (...) Als sich nun auf diese Weise die Rhodier getaeuscht sahen, und der Feind hartnaeckig beharrte, auch die Sturmmaschine bereits vollendet war: da fassten sie nicht allein ahndung der Knechtschaft und der zerstoerung ihrer Stadt; sondern auch reue ueber die schmaehliche Kraenkung, welche sie dem diognet angethan hatten: Sie warfen sich ihm zu also zu Fuessen und fleheten ihn um Rettung des Vaterlandes an.
Anfangs wollte er ihren Bitten nicht nachgeben; als aber die freygebornen jungfrauen und Juenglinge samt den Priestern zu ihm kamen und Abbitte thaten, sagte er ihnen unter dem Bedinge seine Huefe zu: Dass, falls er die Maschine eroberte, sei sein eigen seyn sollte.
Dies ausgemacht, lies er die Mauer auf die Seite, wo die Maschine anrueckte, durchbrechen, und befahl: Alles, was oeffentlich oder in den Haeusern der Buerger an Wasser, Mist und Koth vorhanden sey, durch die gemachte Oeffnung, vermittelst Rinnen, vor die mauer hinaus zu schuetten. Da nun die Nacht hindurch eine ungeheure Menge Wasser, Mist und Koth hinaus gegossen wurde, so konnte folgenden Tags die helepolis sich der Stadtmauer nicht naehern, sondern versank im Moraste so tief, das sie werde vor noch rueckwaerts kommen konnte.
Demetrius erkannte nun durch Diognets Klugheit sein Vorhaben vereitelt, hob die Belagerung auf, und segelte mit seiner flotte davon.
Itzt machten die Rhodier dem Diognet oeffentliche Danksagungen, dass er durch sein Genie die Stadt von der Eroberung befreyet hatte; und ueberhaeuften ihn mit allen moeglichen ehrenbezeugungen und Beweisen ihrer Erkenntlichkeit. Er aber zog die helepolis in die Stadt und stellte sie da oeffentlich auf, mit der Inschrift: Diognet dem Volke von der Beute zum Geschenk.
So kommt es bey Vertheidigung nicht sowohl auf Maschinen, als auf Ueberlegung an!

Marcus Pollio Vitruvius (Uebers. August Rode 1796), Zehn Buecher ueber Architektur, Artemis, 1987, 10. Buch, Seite 300

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